Töchter ohne Mütter


"Töchter ohne Mütter"

Juli 2005

Ich habe nun auch dieses Buch gelesen und bin echt beeindruckt. So ein Buch kann nur jemand schreiben der weiß wovon er spicht. Hope hat ebenfalls ihre Mutter verloren und vieles was sie geschrieben hat, hätte auch von mir sein können.

Einige Stellen möchte ich erwähnen, die besonders auf mich zu treffen.

Als Mama gestorben war, wurde über sie oder ihren Tod nicht mehr gesprochen. Manchmal war es so als ob sie nie existiert hätte. Alles lief weiter.Es wurde geschwiegen, verdrängt. Alles war eingefroren und unecht. Nach außen war alles perfekt. Ich war die liebe Stieftochter die sich schön um den Haushalt kümmert. Die Wäsche wäscht, das Essen kocht, putzt,.....

Ich hätte Nähe und Geborgenehit gebraucht, jemanden wo ich meine Wut und Verzweiflung loswerden konnte. Bekam aber nur Lob und Anerkennung für die künstlich zur Schau gestellte Fassade eines reifen und verantwortungsvollen Verhaltens. Ich habe die Szene noch genau vor Augen, wie mein Stiefvater mich lobt, wie fleißig ich doch bin, das hätten auch schon die Nachbarn gesagt. Wenn ich daran denke, bekomme ich einen Kloß im Hals und könnte kotzen.

Auf meine emotionalen Bedürfnisse ist niemand eingegangen. Keiner fragte wie es mir ging.

Ich habe auch eine Antwort darauf gefunden warum ich erst jetzt anfange zu trauern und nicht vor 17 Jahren. Die Psyche scheint uns so lange zu schützen, bis wir stark genug sind, den Schmerz auszuhalten. Der Schmerz hilft zu akzeptieren. Zuletzt war mein Schmerz meine Verbindung zu Mama. Ich habe mich an ihn geklammert um Mama am Leben zu erhalten.

Aber ich bin der festen Überzeugung, das dies der einzige und richtige Weg ist den Verlust zu verarbeiten. Wer immer nur seinen Kummer verdrängt und den Schmerz nicht zuläßt, ist noch nicht bereit Abschied zu nehmen., sich mit dem Tod abzufinden und Frieden zu schließen.Aber der passende Zeitpunkt wird für jeden kommen.

Wenn ich über meinen Stiefvater nachdenke bin ich wahnsinnig wütend auf ihn. Aber gleichzeitig verteidige ich ihn. Auch er war überfordert....

Ich war immer auf der Suche nach Sicherheit.Man verliert zwar die Mutter, aber nicht das Bedürfnis umsorgt zu werden.

Ich mußte so schnell erwachsen werden, das ich keine Zeit hatte ein Kind zu sein. Ich mußte lernen für mich selbst zu sorgen. "Man wird ins tiefe Wasser geworfen und man muß schwimmen lernen".

Mein Selbstvertauen war erschüttert, die sicherste Basis im Leben zerstört.

Ich wollte immer gefallen, hatte Angst vor Ablehnung. Mein Stiefvater war mir so fremd, so fern. Ich wollte Annerkennung, Beachtung, Zuwendung. Ich war und bin immer auf der Suche nach Liebe um meine emotionale Sicherheit wieder herzustellen.

Ich hoffe das ich meiner kleinen Schwester etwas Sicherheit geben konnte. Geschwister trauern unterschiedlich. Unsere Leben waren anders, jeder hat etwas anderes erlebt. Andere Erinnerungen, anderes Bedürfnis zu trauern.

(Nach einer Studie haben es erstgeborene Töchter, bei enger Beziehung zur Mutter, Probleme sich von der Mutter zu lösen)

 

Ich fühle mich heute vom meiner Kindheit abgetrennt, ich habe niemanden der mir von früher erzählen kann. Weiter habe ich kein weibliches Modell zur Orientierung. Oft habe ich nach oberflächlichen Gesichtspunkten gewertet um bei anderen Frauen Bestätigung zu bekommen. "Habe ich das richtige Geschenk gekauft?", "Ist der Haarschnitt der richtige?" Durch den Verlust von Mama, die für mein Wohlergehen so zentral war, fühlte ich mich minderwertig.

Ich weiß so wenig über Mama als Frau und über ihr Leben, kenne sie nur als Mutter. Wer war sie? Wer bin ich? Auch Großmütter, Tanten, Väter können keine Verbindung mehr herstellen und Informationen weiter reichen.

Mama hat ihre Geschichten über die 1. große Liebe, Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt, usw. mitgenommen. Ich hätte sie so gerne gehört.

Wo haben wir Gemeinsamkeiten? Sie wird mir immer fremder. Ich kann mich nicht mehr an ihre Stimme erinnern. Aber sie wird nicht älter. Sie bleibt in meiner Erinnerung 42 Jahre alt, mit braunen Locken. Was ist wenn ich 42 Jahre alt bin? Das ist in 12 Jahren. Dann sind meine Kinder 17 und 15 Jahre. Älter als ich es war, als meine Kindheit zu Ende war.......

 

Die Sehsucht wird bleiben. Ich hab Dich lieb, Mama!

Hope Edelman: Töchter ohne Mütter. Vom Verlust der Geborgenheit. Wilhelm Heyne Verlag, München 1995,
400 Seiten, 36 Mark.

( Aus der Berliner Zeitung, 29.07.1995 )


Töchter ohne Mütter trauern ihr Leben lang

Gefühle von Hilflosigkeit und Verlassensein kehren immer wieder zurück / Jede Trennung erinnert an den Verlust

Die Beziehung zur Mutter zählt zu den prägendsten, intensivsten und zu den längsten Beziehungen im Leben von Frauen. Fast alle Töchter sind davon überzeugt, daß Mütter, besonders die eigene, unsterblich sind. Umso schwerer trifft es sie, wenn die Mutter stirbt.
Anne liebte ihre Mutter. So wie die meisten Mädchen, die sie kannte, ihre Mutter bewunderten und sehr gern hatten. Und wie fast alle jungen Leute dachten auch Anne und ihre Freundinnen nicht daran, daß sie die Mutter plötzlich verlieren könnten.
Zahlen sprechen eine andere Sprache: 125 000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verlieren jährlich ihre Mütter durch den Tod. Vor allem für das Leben der Töchter hat dies gravierende Folgen. Der Tod der Mutter beeinflußt ihr Verhalten dauerhaft und prägt ihre Beziehungen zu anderen Menschen erheblich. "Der Verlust der Mutter ist das einschneidenste Erlebnis im Leben einer Frau", stellt Hope Edelman in ihrem Buch "Töchter ohne Mütter" fest. Diese Erfahrung der Autorin, deren Mutter starb, als sie selbst 17 Jahre alt war, bestätigen fast alle der etwa 250 mutterlosen Frauen, die sie befragt hat.

Durch den Tod der Mutter wird das Grundvertrauen der Mädchen, das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, erschüttert. Sie fühlen sich einsam, hilflos und verlassen. Weil sie keinen weiteren Verlust riskieren wollen, vertrauen sie niemandem mehr. Auch als Erwachsene fällt es mutterlosen Frauen oft schwer, mit Trennungen und Verlusten umzugehen. Viele gehen aus Furcht vor einem neuen Verlust auch als Erwachsene keine engen Beziehungen ein. Andere mutterlose Frauen erleben jede Trennung als Wiederholung des Todes der Mutter und halten lange an bereits überlebten Beziehungen fest.

Halt durch den Vater


Wie Töchter den Tod der Mutter verkraften, hängt vor allem davon ab, ob sie einen Menschen haben, der auf ihre Bedürfnisse eingeht, ihnen das Gefühl vermittelt, liebenswert und wichtig zu sein. Der Vater kann diese Rolle ebenso übernehmen wie eine Verwandte oder Bekannte. Geschwister sind mit dieser Aufgabe meist überfordert.

Wichtig für die weitere Entwicklung ist auch, daß Kinder und Jugendliche Gelegenheit erhalten, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Leugnen, Verwirrung, Schuldgefühle, das Gefühl der Leere und des Mangels und vor allem Wut sind typische Reaktionen nach dem Tod der Mutter. Nicht selten schämen sich Kinder, weil sie ihre Mutter verloren haben. Sie vermeiden es, über den Verlust und ihre Gefühle zu sprechen und schieben ihre Trauer zur Seite. Oft setzt der Trauerprozeß erst Jahre nach dem Tod der Mutter ein. Die Trauer ist kein kontinuierlicher, in sich abgeschlossener Prozeß, sondern sie kommt und geht in Zyklen.

Viele Frauen trauern noch Jahre nach dem Tod um ihre Mutter. Zwar werden die Abschnitte zwischen den Trauerphasen mit der Zeit länger, aber die Sehnsucht hört nach Einschätzung Hope Edelmans nie auf. Vor allem in wichtigen Situationen, zum Beispiel bei der Heirat, in der Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes, stellt sich das Gefühl, hilflos und verlassen zu sein, wieder ein. Die Trauer beginnt von neuem; die Reaktionen von einst wiederholen sich. Und so haben viele mutterlose Frauen das Gefühl, in ihrer Entwicklung steckengeblieben, dem Alter, in dem sie waren, als die Mutter starb, nie entwachsen zu sein. Fast alle mutterlosen Töchter haben in späteren Beziehungen den starken Wunsch, vom Partner bemuttert zu werden, und überfrachten ihre Beziehungen mit Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

Schneller erwachsen


Der Tod der Mutter kann die Entwicklung der Tochter verzögern; häufig beschleunigt er jedoch den Reifeprozeß: Die Mädchen, vor allem die ältesten Töchter, müssen oft die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen und werden dadurch schnell erwachsen. Die Übernahme von Verantwortung kann die Töchter überfordern; sie hilft den Mädchen jedoch auch, den Verlust zu verarbeiten. Sie haben das Gefühl, kompetent zu sein, und entwickeln Selbstvertrauen und Selbstsicherheit.

Daß sie stark, unabhängig, entschlossen und selbstsicher sind, betrachten die vielen mutterlosen Frauen als positive Konsequenz des Verlustes. In ihrem Beruf sind sie häufig sehr erfolgreich. Auf andere Frauen wirken sie jedoch oft einschüchternd und unnahbar. Nicht selten verhalten sie sich, so Hope Edelman, eher männlich als typisch weiblich.

Verwunderlich ist dies nicht. Denn mit ihrer Mutter haben die Töchter nicht nur eine wichtige Bezugsperson, sondern auch ein wichtiges Vorbild für die Rolle als Frau verloren. Die Väter können diese Aufgabe nicht erfüllen. "Ich habe nie gelernt, mich wie eine Frau zu verhalten", berichtet eine mutterlose Frau. Und so fällt es vielen mutterlosen Frauen schwer, sich als Frau zu akzeptieren; nicht wenige fühlen sich als "Wesen zwischen Mann und Frau".

Die Furcht, das Schicksal ihrer Mütter zu wiederholen und ebenfalls früh zu sterben, sitzt bei vielen mutterlosen Frauen tief. Vor allem das Alter, in dem die eigene Mutter gestorben ist, ist eine kritische Zeit.

Wenig Nähe

Aus Angst, ihre eigenen Kinder mutterlos zurückzulassen, legen sie bei der Erziehung großen Wert auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Weil sie ihren Kindern den eigenen Schmerz ersparen wollen, lassen sie mitunter keine Nähe zu. "Die Kinder wachsen in der Vorahnung eines Traumas auf, das niemals eintritt", bedauert Hope Edelman. Und so sind mitunter auch in der nächsten Generation die Folgen des Verlustes noch zu spüren.

Gegenüber Schwächeren habe ich schnell eine aufopfernde und verständnisvolle Haltung entwickelt.
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